25.000
km Dauertest
(aus SCOOTER & Sport 04/2000)
Eine Frage der Ehre
Wer Besitzer sportlicher Zweiräder nach dem genüsslichsten Moment auf Ihrem Gerät befragt, erhält als häufigste Antwort: "Kraftvolles Herhausbeschleunigen aus Kurven". Diese Disziplin beherrschte kein anderer Scooter so lustvoll wie der Gilera Runner 180. So ein großer Zweitakter (exakt 175,6 ccm Hubraum) schiebt halt kräftig an.
Kosten:
Für kleines Geld gibt´s den Fahrspaß freilich nicht. Im Schnitt über 25.000
km gurgelt unser Runner 4,54l/100 km. Normalbenzin, versteht sich. Es hat dem
Antrieb offensichtlich nicht geschadet, die Herstellerempfehlung von Superbenzin
zu ignorieren. Aber bares Geld gespart. Dazu kamen 0,84l feines Zweitaktöl pro
1.000 km. Von den Betriebsstoffen nimmt sich ein Runner reichlich. Das gilt auch
für die Reifen, hinten ist alle 4.000 - 6.000 ein neuer Pneu fällig. Das sind
jedes mal rund 75 €. Welcher Gummi am besten zum FXR passt lesen Sie weiter
hinten. Sein günstiger Einstandspreis (aktuell 3.119 €) hat sicher zum
gewaltigen Erfolg des Runner 180 beigetragen. wie sieht es aus mit den
Folgekosten ? Ebenfalls niedrig. Selbst die bei uns kostenträchtigen
Inspektionen bei 15.000 und 20.000 km mit vielen Ersatzteilen und entsprechender
Arbeitszeit schlagen keine zu großen Löcher. Aber wir spulen die Kilometer ja
schneller ab als die meisten Leser. Reagiert Piaggio nach drei oder vier Jahren
ähnlich kulant auf einen durchgescheuerten Kabelbaum ? Wir wollen es hoffen.
Abschminken sollten sich Scooterfahrer, dass ihr heißer Ofen im Wiederverkauf
viel Kohle einfährt. Nach zwei Jahren die hälfte Wert lautet eine grobe
Faustformel. Selbst laut stets gesund nach oben orientierter Preisliste von
Eurotax - Schwacke zahlt ein Händler für unser Modell höchstens noch zweieinhalbtausend
Mark. Und bevor falsche Hoffnungen sprießen: Auf dem Privatmarkt ist ebenfalls kaum mehr loszueisen. Bei den tatsächlichen Kosten
pro Kilometer fahren Runner - Piloten nicht günstiger als 250er Viertaktbesitzer.
Trotzdem bietet er die mit Abstand günstigste Eintrittskarte in den Klub der
starken Scooter.
Motor:
Je weiter man nach drinnen vorstößt, um so mehr
begeistert sein Zustand nach 25.000 km. Das die Fahrleistungen leicht schwanden,
können wir vernachlässigen. Außen viel bei der Demontage des Auspuffs ein
Stück Motorgehäuse mit ab. Das kostet richtig Geld, denn zur Reparatur sind
beide Hälften fällig. Nur jeweils zwei miteinander gebohrte Teile passen exakt
aneinander. Grund für den Bruch im Guss: ein leicht schief montierter
Auspuffkrümmer erzeugte Zugspannung im Auspufftopf, die sich wiederum am
schwächsten Teil ausließen. Hier das obere Halteauge am Motor. Die
mechanischen Komponenten des 180er Triebwerks zeigten sich durchweg in
erstklassiger Verfassung. Kolben und Zylinder rangierten zwar am offiziellen Verschleißmaß,
ein Wechsel wäre trotzdem Blödsinn. Oberflächen ohne jeden Kratzer, das
freut. Lediglich die Kolbenringe würde Gerald Reinhard, Chefmechaniker bei
Piaggio Deutschland, erneuern. Am Kolbenboden begeistert die gleichmäßige
hauchdünne Schwärzung. Kolbenbolzen und oberes Pleuelnadellager gingen sogar
als Neuteile durch. Kurbelwelle und Hinterachsgetriebe ? Einfach wieder
einbauen. Das es im großen Zweitakter heiß her geht, beweisen aber die bei
20.000 km nötigen Wartungsarbeiten. Kurbelwellendichtringe, Ölpumpe und
Wasserpumpenwelle samt Dichtung zeigten Verschleiß und wurden vorsichtshalber
erneuert. Rambazamba auch in der Variomatik. Bei Kilometer 14.788 riss der
Keilriemen, beim Überholen eines LKW auf der Autobahn ein echtes Vergnügen.
Sein Ersatz hatte nun 10.000 km auf den Gummiflanken und bewegte sich hart am Verschleißmaß.
Gehört ersetzt. Wer seinen Runner häufig Autobahn Vollgas prügelt, mit
entsprechend hoher thermischer Belastung des Keilriemens, sollte ihn
vorsichtshalber alle 10.000 km wechseln. Ersetzt gehören auch die Variorollen,
mit der gleichen Laufleistung auf dem Buckel wie der Riemen.
Mechanisch ein sauberes Ergebnis für den Antrieb, aber einige
Peripherie-Komponenten zeigen Schwächen.
Elektrik:
Häufigster Quell außerplanmäßiger Werkstattaufenthalte. Der erste
bei 560 km, als wegen einer fehlerhaften Steckverbindung auf der Ankerplatte des
Generators kein Strom mehr zur Batterie floss. Hernach gaben noch
Zündkerzenstecker und Bremslichtschalter den Geist auf. Ärgerlich dann ein
"Kupferwurm", der sich zunächst in durchgebrannten Sicherungen
äußerte, aber schwer zu lokalisieren war. Bei 17.053 km erwies sich dann eine
durchgescheuerte Stelle am Kabelbaum als Wurzel des Übels. Ein Fall, der aus
Leserkreisen häufiger bekannt ist und auf Garantie behoben wurde. Der
Blinkerschalter schnappte zuletzt bei Regenfahrten nicht mehr in die
Mittelstellung zurück, das reparierte sich bei Trockenheit jeweils selbst.
Elektrisch zu beheben wäre eine weiter Runner Marotte: die nicht
funktionierende Temperaturanzeige. Selbst im heißesten Stadtverkehr rührte
sich die Nadel keinen Mucks.
Fahrwerk:
Im Neuzustand pfeffert der Gilera Runner straff und sportlich ums
Eck. Doch die von Showa Espana gebaute Gabel verliert bald Fett, sie ist nach
knapp 10.000 km de facto schrottreif und klapprig. Auch das Serienmäßige
Federbein hat bis dahin jede Dämpfung verloren. Exaktes einlenken ist mit dem
Runner dann nicht mehr möglich. Ersatz findet sich im Zubehörhandel, besitzt
aber ebenfalls Tücken.
Wie bei fast allen Scootern sitzt die Lagerung der Triebsatzschwinge in Gummi -
Metall - Blöcken. Die waren am Dauertestler nach 20.000 km völlig
ausgeschlagen, das Hinterrad wackelte seitlich um vier Zentimeter. Anlässlich
der Inspektion wurde die Aufhängung erneuert.
Unser Runner, Baujahr ´98, besaß hinten noch eine Trommelbremse. Auch sie lässt
im Neuzustand kaum Wünsche offen. Aber mit den Kilometern vergammeln Bowdenzug
und Bremsnockenlager. Zuletzt war gefahrloses Bremsen, trotz mehrmaligem
Nachschmieren kaum mehr möglich. Bei Nässe blockierte das Hinterrad
schlagartig, am Bremshebel hatte man Null Gefühl. Nun, mittlerweile gibt´s den
Runner 125 und 180 nur noch mit Scheibenbremse hinten, womit dieses Problem aus
der Welt sein sollte.
Sportliche Naturen werden aber auch mit der vorderen Scheibe nicht warm. Ihr
lauer, teigiger Druckpunkt zehrt am Fahrspaß. Sämtliche Verbesserungsversuche,
vom mehrmaligen Entlüften bis zur Montage einer Stahlflexleitung, wirkten sich
nur wenig aus. Was im Werk versäumt wird, ist hinterher nur schwer auszuwetzen.
Eine Hydraulisch optimale Übersetzung zwischen Handpumpe und Bremskolben ist
der einzige Ausweg, dazu die Verwendung hochwertiger Zulieferteile mit
konstanter Qualität.
Verarbeitung:
Das Problem von Spannungsrissen am linken Verkleidungsteil in Höhe
Mitteltunnel trat bei uns und einigen Lesern auf. Als Grund ist die falsche
Montage von Halteklammern erkannt und mittlerweile ausgeräumt.
Legendär und Praktisch jedem großen Piaggio Zweitakter mit 125, 150 oder 180
ccm anzutreffen ist dafür der wild rostende Auspuffkrümmer. Hier gilt das
gleiche wie bei den Bremsen. Was im werk vernachlässigt wird, erfordert
hinterher extreme Anstrengungen. Sämtliche Hausmittelchen wie Verchromen,
Einreiben mit Herdplattenreiniger oder Neulackierung mit hitzefester Farbe
bleiben Lösungen auf Zeit. Wirklich Dauerhaft wäre nur Edelstahl. Wenigstens
zeigte der Rahmen keinerlei Rost, auch die Lackierung der Plastikteile glänzt
wie neu.
Fazit:
Toller Motor, aber über die Distanz laues Fahrwerk. Dazu einige ärgerliche
Details. Hier hilft nur Eigenleistung.
(Quelle: SCOOTER & Sport 04/2000)